Leben in China

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Arbeitsleben

in Shanghai

Arbeitsleben in China

Eine Berufsausbildung, oder ein duales System, wie wir es in Deutschland kennen ist noch fast völlig unbekannt. Es gibt erste Ansätze, meist durch ausländische Firmen betrieben, um an gute Fachkräfte zu kommen. Dies ist natürlich für den weiteren Aufschwung und die Entwicklung der Wirtschaft und Industrie ein großes Problem.

In den Industriezentren gibt es einen sehr hohen Mangel an Fachkräften und dieses Problem nimmt noch rasant zu.
Die Arbeiter in den Fabriken sind meist ungelernte Wanderarbeiter, die sobald sie einen gewissen Wissens- und Erfahrungsschatz gesammelt haben, zurück in ihre Heimatprovinzen gehen, wo sie durch die staatliche Förderung stark wachsende Industrien einen Arbeitsplatz bekommen oder sich mit dem erworbenen Wissen selbstständig machen.

Aus meiner Sicht bereitet die Trennung zwischen Theorie und Praxis, die es in der Ausbildung gibt weitere große Probleme.
Ein Techniker oder Ingenieur hat nach Beendigung seiner Ausbildung meist noch nie eine Feile in der Hand gehabt.
Die Arbeiter, die letztendlich in den Werkshallen und Fabriken arbeiten, sind durchwegs ungelernte Arbeitskräfte, vielfach Wanderarbeiter, die durch darauf spezialisierte, kleine Firmen angestellt und verliehen werden.
Mir ist es bei einem großen Stahlbauprojekt, das in einem der größten, staatlichen Stahlbauunternehmen abgewickelt wurde aufgefallen, daß von den über 5000 Arbeitern in den Werkshallen keiner bei dem Unternehmen angestellt war. Nur die Verwaltung, die Qualitätssicherung und einige technische Angestellte waren Mitarbeiter des staatlichen Unternehmens.
Die Arbeiter in den Werkshallen waren durchwegs von sog. Subcontractor ausgeliehen.
Viele Firmen scheuen in Investitionen von Werkzeug und Ausbildung. Eine Firmenloyalität gibt es nicht und wenn ein Arbeiter oder Angestellter ausgebildet wird, will er oder sie natürlich das höhere Wissen vergütet haben.
Beim nächsten Arbeitgeber wird das Wissen noch etwas ausgeschmückt und schon kann mehr verlangt werden.
Eine Berufsethik oder Stolz auf gute Arbeit ist mir in China noch nie begegnet. Aufgaben werden erledigt, das Ergebnis wird aus der Hand gegeben und ist danach uninteressant. Wenn der Auftraggeber oder Kunde für Fehler oder schlechte Qualität bezahlt, ist es sein Fehler.
Konfuzius sagt: Nicht der Dieb oder der Betrüger sind schlecht, der Bestohlene oder Betrogene hat einen Fehler gemacht.
Einem Maler ist es vollkommen egal, wenn der Fußboden, die Steckdosen, Fenster und Türen voller Farbspritzer sind, Hauptsache die Wand ist gestrichen und es gibt freie Verpflegung.
Ein Transportarbeiter ist für den Transport, nicht für die Pflege des Transportgutes zuständig, also spielen Kratzer und Beschädigungen keine Rolle, wichtig ist einzig, was es zum Abendessen gibt.

Problem? Lösung! Das Loch im 29. Stock      aus dem Buch:   "China, die türkise Couch und ich" von Sonja Piontek

Thomas wohnt im 29. Stock eines schicken Pekinger Appartement-Komplexes und genießt einen sagenhaften Blick. Ein Mittwoch im Oktober: In seiner Wohnung ist nichts mehr, wie es mal war. Im zehn Meter langen Designer-Panoramafenster klafft ein Riesenloch, das mittlere Element ist zerstört. Dahinter geht es in die Tiefe. Eigentlich nur 25 Etagen, denn den 4., 14. und 24. Stock gibt es hier nicht - die Zahl 4 steht in China für Unglück und Tod, und das Erdgeschoss gilt bereits als Level 1.

Thomas ruft Mrs. Táng im Management Office an, um den Schaden zu melden:

   "Hallo, hier ist Thomas, Appartement Nr. 2903. Das mittlere Fenster meines Wohnzimmers ist kaputt."
   "Hallo. Ich wiederhole: Nummer zwei-neun-null-drei."
   "Ja, 2903. Das Fenster in meinem Wohnzimmer ist kaputt.
   "Sie wollen die Fenster putzen lassen?"
   "Nein! Das Fenster ist kaputt. Und zwar im neun-und-zwan-zig-sten Stock."
   "Wann wollen Sie die Fenster putzen lassen?"
   "Nicht putzen! Das Fenster ist kaputt. Keine Scheibe mehr! 29. Stock. Sehr gefährlich."
   "Kein Problem. Die Fenster sind sehr gute Qualität und können nicht kaputt gehen."
   "Das Fenster IST aber kaputt!"
   "Bitte rufen Sie morgen nochmal an." Und schon legt Mrs. Táng auf.

Ein neuer Tag. Mrs. Féng hat Mrs. Táng abgelöst und ist wesentlich pfiffiger. Besorgt ruft sie: "Bleiben Sie, wo Sie sind. Unsere Spezialisten kommen sofort." Binnen fünf Minuten betritt sie mit drei Handwerkern im Schlepptau die Wohnung, alle sind sichtlich bestürzt. "Ooohhhhh…was ist passiert?", fragt Mrs. Féng mit aufgerissenen Augen. Das wüsste Thomas auch gern.

"Oh, das wird nicht klappen"

Zwei Stunden später ist die Gefahrenstelle notdürftig gesichert. Niemand kann mehr runterfallen, nur sind die Stahlträger und Teile des Parketts ruiniert. Schon morgen soll die fehlende Scheibe ersetzt werden. Solche Dinge gehen in China schnell.

Aber abends ist noch nichts passiert. Am Telefon sagt Mrs. Féng freundlich, so schnell sei wohl doch keine Scheibe dieser Größe lieferbar - es dauere "vielleicht zehn Tage". Thomas sagt, er möchte die Scheibe bitte bis zum nächsten Nachmittag. "Oh, das wird nicht klappen" - "Das muss klappen!" Kaum eine halbe Stunde später ruft Mrs. Féng zurück und sagt, Arbeiter könnten die Scheibe morgen gegen drei einsetzen. Chinesen sind unglaubliche Organisationstalente - wenn man sich nicht mit der erstbesten Antwort zufrieden gibt.

Tatsache, am nächsten Tag tragen fünf Arbeiter eine passgenaue Scheibe mit vereinten Kräften und bloßen Händen in die Wohnung. Vorsichtig und mit kleinen Schritten nähern sie sich dem Abgrund, wollen langsam die Scheibe zwischen zwei Stahlträger einfügen. Doch die Decke ist etwa zehn Zentimeter niedriger als die Fensterfront. Der Versuch scheitert, die Scheibe von innen "einzuhebeln".

Schickes Design? Wozu? Hauptsache, der Auftrag ist erfüllt

Nun versuchen die Männer, die Scheibe unten so weit nach draußen zu halten, dass sie sich oben in den engen Spalt einfügen lässt. Ein filmreifes Desaster: Vier Quadratmeter Glas gleiten ihnen aus der Hand und rasen in die Tiefe. Ein Wunder, dass niemand verletzt wird.

Nächster Tag, zweite Scheibe, neuer Plan. Von einer Leiter aus schlagen die Handwerker wie wild auf die Decke ein - nah am Fenster wollen sie den Raum durch großzügiges Wegschlagen etlicher Zentimeter Beton höher machen. Nach sechs Stunden ist die neue Scheibe tatsächlich drin. Damit sie nicht erneut abstürzt, hatte man schlicht eine auf beiden Seiten drei Zentimeter zu breite Scheibe bestellt. Die sitzt nun nicht mehr formschön zwischen den weißen Designer-Stahlelementen, sondern hässlich davor, mit viel Silikon von innen angeklebt. Auftrag erfüllt.

Die Bilanz:

   * Erste Scheibe zerschmettert. Aber wo ist das Problem? Es wurde ja eine neue bestellt.
   * Die zweite Scheibe wurde nicht sauber eingefügt, sondern hässlich angeklebt. Aber wo ist das Problem? Die Scheibe bietet jetzt wieder den nötigen Schutz.
   * In der Decke ist ein klaffendes Loch. Aber wo ist das Problem? Auch das kann ja repariert werden.

Wo genau ist also Thomas' Problem?

Ich erzählte die Geschichte einer in Deutschland lebenden chinesischen Freundin. Sie bestätigte mir, dass durch die Kulturrevolution und die turbulente Mao-Zeit die meisten Chinesen der letzten Generation keine richtige Bildung genießen konnten(fast alle städtischen Jugendlichen wurden damals zur Zwangsarbeit aufs Land und in die Fabriken geschickt). Das Gros sei relativ ärmlich, minimalistisch und mit schlechter Ausbildung aufgewachsen, bestimmt auch Thomas' Arbeiter. Zu Hause seien sie froh, wenn sie ein Dach über dem Kopf haben und alles, was sie besitzen, eine Funktion erfüllt.

Besucht man beispielsweise einfache chinesische Familien, stellt man schnell fest, dass die Möbel kaum zueinander passen. Hauptsache, sie erfüllen einen Zweck. Wie die Couch der Oma meiner Freundin - die ist türkis! Die Oma sagt: War günstig, hält im Winter warm, kann man gut drauf liegen. Die Farbe war nicht wichtig. Genauso werden die Arbeiter bei Thomas gedacht haben: Hauptsache, dass er wieder eine warme Wohnung mit Fenster hat - was will er denn mehr?

 
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