Leben in China

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Satire

Geschichten

Im Dienste des Königs von Singapore

Es war im Jahre 2000, als ich von einigen längeren Aufträgen aus dem Land der kaputten Maschinen ins Land der ewigen Ordnung und der fleißigen Beamten zurückkehrte.

Die vergangenen drei Jahre waren sehr erfolgreich verlaufen. Ich hatte als Graf im Dienste derer von Stuttgart am Aufbau und der Inbetriebnahme zweier Schmieden für pferdelose Kutschen mitgewirkt und meine treuen Dienste waren großzügig entlohnt worden - in meiner Truhe befanden sich reichlich Thaler.

Nun sah ich mich nach einem neuen Betätigungsfeld um und da ich in dem Land der kaputten Maschinen glänzende Möglichkeiten für eine berufliche Entwicklung sah, suchte ich nach einer Chance dorthin zurückzukehren.
Meine Frau entstammte dem Volk der kaputten Maschinen und begrüßte diesen Entschluß sehr.

Schließlich stieß ich auf einen Hof, der einen Diener zum Reparieren und Zusmmenbauen ihrer Maschine, die Pulver und andere Sachen durch Rohre blasen können, für das Land der kaputten Maschinen suchte.

Die ersten Audienzen am Hofe zu Weingarten verliefen erfolgversprechend und die Lösung des Problems, Pulver durch Rohre zu blasen, interessierte mich sehr.
Etwas störend empfand ich den etwas überheblichen Stil der Höflinge, jeder klopfte sich ständig auf die Schulter und betonte aus tiefer Brust, wie professionell die Firma doch sei, und schließlich hatte man ja auch das Rad und das Schießpulver erfunden und den Film von der Mondlandung gedreht.
Dabei war das gar nicht nötig, sie waren doch alle sowieso die Besten. Schließlich konnten sie Pulver und andere Sachen durch Rohre blasen und das tut ja das Schießpulver doch eigentlich auch.

Es sollte aber noch viel besser kommen.

Im Dezember hatte ich Gelegenheit, seine Majestät, den König der Provinz Singapore kennenzulernen. Ich war schlicht überwältigt von so viel Eleganz und Würde. Und er sprach sogar mit mir. Und es schien, ich hatte seine Gnade gefunden, denn kurze Zeit später erhielt ich einen Anruf, daß ich willkommen im Kreise der Höflinge wäre.
Allerdings müßte ich mich von der Stellung des Stalljungen an hocharbeiten, was bei Hofe ja nicht ungewöhnlich ist, wenn man nicht die Geburt im Kreise derer von Weingarten erlebt hatte.
Auch das Salär war selbstverständlich dem eines chinesischen Stalljungen gleichgestellt. Nun denn, den Spaß wollte ich mir gönnen, hatte ich doch noch etwas gespart.
Ich erhielt auch flugs eine Depesche mit einem Vertrag, wie er auch mit chinesischen Stalljungen abgeschlossen wird und als ich den Vertrag gelesen hatte, war mir die Lust zum Spaßen des Königs von Singapur mehr als deutlich vor Augen geführt worden.

Auch die dreimonatige „Schulung“ am Hofe zu Weingarten begann sehr interessant. Im Kreise vieler anderer zukünftiger Höflinge erfuhr ich wichtige Einzelheiten zur Geschichte derer zu Weingarten.
Schließlich erhielt ich die Gelegenheit, eines der wichtigsten Geheimnisse derer zu Weingarten zu erfahren.

Ein greiser Höfling verriet mir nach dem Genuß einiger berauschender Getränke (nun, er war auch schon sehr lange im Kreise der Höflinge und sein Gemüt verständlicherweise stark angegriffen), daß eine Schraube der Größe M24 stärker angezogen werden muß, als eine Schraube der Größe M10.
Ich war sehr stark beeindruckt und beschloß, ausgerüstet mit der Kenntnis dieser und verschiedener anderer Geheimnisse als „Service Eng. Grade 5“ (das ist genau das, als was es sich anhört, Einer den jedes Stubenmädchen ohrfeigen darf und der alle niederen Arbeiten am Hofe tut und eigentlich der erste Vertreter des Hofnarren ist) meine Dienste unter der Gnade seiner Hoheit, des Königs der Provinz Singapore anzutreten und weitere Späße seiner Hoheit mitzumachen.

Was klein und ruhig begann, steigerte sich immer weiter.
Als ich in Shanghai eingetroffen war, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, daß der Graf von Shanghai ja eigentlich die graue Eminenz hinter der Fassade des Hofes von Singapur ist und er ja eigentlich das Rad, das Schießpulver und außerdem den elektrischen Strom erfunden hat.

Als besonders lustigen Einfall erklärte mir der Graf von Shanghai inmitten eines kleinen, verräucherten Büros, (mit einer Zigarette in der Hand), daß das Rauchen im Büro nicht erlaubt sei, und ich zum Rauchen an meinen Platz im Stall zurückkehren muß.

Ich war sehr glücklich darüber, daß ich überhaupt rauchen durfte.
Der Herr Graf war überhaupt sehr großzügig zu allen Höflingen, selbst zu solch niederem Volk, wie mir.
Auch war der Herr Graf ein großer Kenner der Sprache von der kleinen Insel und er bestand darauf, daß alle Höflinge diese Sprache immer und überall benutzten, selbst dann, wenn es nur zum Ausdruck der Ignoranz diente.
Da es dem Herrn Grafen sehr unangenehm war, mit niederem Volk die Kemenate zu teilen, wurde alsbald ein neuer Hof ausgesucht und wir zogen alle um.

Am neuen Hof hatte der Herr Graf sein eigenes Reich (was man sehr leicht an den Rauchschwaden erkennen konnte) und wir Niedrigen hatten einen sehr gesunden Arbeitsplatz, ohne Rauch, das war klar.
Da bekam ich dann auch einen eigenen Tisch und einen Stuhl und einen Computer und ein Telefon. Beeindruckend !

Da ich auch einen Platz zum Schlafen für meine Frau und unser Baby finden mußte, begab ich mich auf die Suche. Das ist in Shanghai mit einigen Problemen und Aufregungen verbunden.

Doch es ist auch unterhaltend zu sehen, für wie dumm viele Bewohner des Landes der kaputten Maschinen die Ausländer halten und wieviele Schliche sie kannten um sie zu betrügen.
Nun, ich fand einen Herbergsvater, der war auch ein Graf, und er war sehr freundlich zu uns.

Der geneigte Leser wird schon beim Titel "Graf " ein gewisses Mißtrauen empfinden.

Aber zu meinem Glück hatte ich ja schon viele Jahre hier verbracht und war gewarnt und meine Frau verstand ja die Sprache dieser Leute.
So hörten wir dann bei Gesprächen zwischen ihm und seiner Frau, daß ihm der Gedanke gefiel, daß ein Lau Wei seinen Stall hüten und instand halten und seine Frau schwängern würde.

Auch sah er glänzende Möglichkeiten, meinen Herrn, den König von Singapore um ein beträchtliches Stück Geldes zu erleichtern.


Aber das gefiel mir gar nicht gut. Wenn sich die Herren Grafen und Könige gegenseitig das Geld wegnehmen, das sie uns unwürdigen Lakaien nicht geben wollen, so ist das eine Sache, wenn mir aber selbst auch noch Ungemach drohte und meine Frau und unser ungeborenes Baby in Gefahr sind, dann muß ich doch etwas unternehmen.
Also ließ ich den Freund des Grafen von Shanghai alleine und zog mich zurück.

Dies aber gefiel dem bösen Herbergsvater gar nicht, konnte er so doch niemals einen Sohn bekommen und auch das Geld meines Königs nicht. Er war sehr zornig.
Gleich schrieb er sehr zornige Depeschen an den König von Singapore und zum Grafen von Shanghai.
Der Herr Graf ließ sogleich die Kutsche vorfahren und besuchte seinen Freund um sich gebührend über die Niedertracht des gemeinen Volkes zu erregen und dann seinem König in Singapore ausführlich zu berichten.

Dieser sah natürlich sofort, daß sich ein kleiner unwichtiger Höfling sehr ungezogen betragen hatte, denn solche Entscheidungen zu treffen gebührt alleine den Grafen und Königen am Hofe derer von Weingarten, den die habe ja das Rad, das Schießpulver und das Toilettenpapier erfunden.
Flugs erhielt ich von der Maitresse des Königs von Singapore eine Depesche, daß ich mich sehr ungezogen betragen hatte, und daß ich beim nächsten Mal eine Tracht Prügel bekommen würde.

Ich war sehr beschämt. Der König von Singapur war ja schließlich so gütig und freundlich zu mir kleinem Wurm und er hatte doch so große Probleme damit, die Goldstücke zu tragen und zu sammeln, die seine Lakaien für ihn zusammentrugen, daß ich es ruhig zulassen sollte, daß ein anderer Graf ihm beim Tragen hilft.

Wichtig ist ja schließlich nur, daß kein unwürdiger Wurm wie ich, einige Goldstücke bekommt.
Nun fand ich aber dann doch eine neue Schlafstelle für meine Frau und unser gerade geborenes Kind und alles schienprächtig.
Leider nur für kurze Zeit.
Sehr bald, nachdem wir unser Bett aufgestellt hatten, begannen umfangreiche Ausbau und Verschönerungsarbeiten in dem Haus.
Da die Chinesen ein sehr emsiges Volk sind, benötigen sie viele Stunden täglich zum Erzeugen von Lärm.
Es war also rund um die Uhr sehr, sehr geschäftig und laut um unser Bett.
Alle Anstrengungen, wenigstens am Abend etwas Ruhe zu finden, waren erfolglos.
Als unser Baby dann ernsthafte Schlafprobleme bekam, beschlossen wir, eine neue Schlafstelle zu finden.
Natürlich gefiel das auch diesem Herbergsvater nicht, bekam er doch viele Thaler, selbst für Sachen, die er gar nicht gab, obwohl er sie versprochen hatte.
Also hatten wir ihm noch einen großen Berg Thaler aus unserem eigenen Beutel gegeben und haben dann den Schlafplatz gewechselt.

Das aber gefiel wieder dem König in Singapore nicht und wieder bekam ich eine zornige Depesche von seiner Maitresse. Mit unfolgsamen Stalljungen spricht er selbst nicht.
Aber schließlich konnte ich mich im vollen Umfang meiner Aufgabe widmen.
Dies ist eine schöne Aufgabe und es macht mich sehr stolz, für so große Herren zu dienen.
Selbstverständlich macht es mir dabei auch große Freude, dabei mitzuhelfen, daß der Haufen Thaler des Königs von Singapore immer größer wird, indem ich viele Stunden arbeite, für die ich Nichts bekomme, der König aber viele Thaler von seinen Kunden kassiert.
Auch bekomme ich nicht den mageren Salär, der eigentlich vereinbart worden war.

Schließlich kann der König von Singapore Nichts dafür, wenn die dummen Höflinge von der Bank bei jeder Überweisung meines kleinen Salärs einen Teil einbehalten, denn ein König kann ja nicht wissen, daß man der Bank sagen kann, daß der Betrag ohne Abzug ankommen soll.
Aber vielleicht weiß der König das ja und er scherzt nur ein wenig mit mir.
Daß ich viele, viele Stunden mehr arbeite, als eigentlich vereinbart war und dafür weniger Thaler bekomme als vereinbart war, das ist ganz sicher ein kleiner Scherz, einer von der Art, den sich Könige mit kleinen dummen Lakaien nun einmal gelegentlich leisten.
Sonst wird der Haufen Thaler in seinem Schloß in Singapore niemals größer.
Das ist auch der Grund dafür, daß mich der König von Singapore und seine Grafen (alle gebürtig im Hause derer zu Weingarten) all mein Werkzeug, mein Mobiltelefon, die Software zu seinem Computer und sogar die Bleistifte und den Kalender im Büro selbst kaufen läßt.
So kann ich sehr zur Mehrung des Reichtums meines Königs beitragen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Vielleicht werde ich aber auch meine Meinung ändern. Meine Frau hat mir zu Weihnachten ein Buch geschenkt mit dem Titel „Werde ein König und erzähle, daß Du das Rad und das Schießpulver erfunden hast!“

Wenn ich das Buch gelesen habe, will ich vielleicht gar kein Stallbursche beim König von Singapore mehr sein.
Ich war selbst einmal Graf (aber keiner, wie er oben beschrieben ist) und wenn mir die Lust vergeht, meine gesparten Thaler für die Späße des Königs von Singapore auszugeben und wie ein Hofnarr behandelt zu werden, dann werde ich wohl zu einem anderen Hof wechseln müssen.
Andere Könige haben mich schon gefragt, ob ich nicht ein Graf in ihrem Reich sein will.

Nichts lag mir ferner als meinen hoch verehrten König oder ein Mitglied seines Hofstaates zu verärgern, aber schließlich konnte ich es mir nicht mehr verkneifen, eine Depesche nach Singapore zu senden und darum nachzusuchen endlich wie ein erwachsener, vernünftiger Mensch behandelt zu werden.
Nun, das war ein riesen Spaß, was darauf folgte.

Der König lehnte es natürlich ab, mit einem kleinen Wurm zu sprechen, seine Mätresse schrieb mir, daß sie sich gelegentlich meiner Nöte annehmen werde und bei einem Besuch in Shanghai kam es dann zu einem sehr unterhaltsamen Gespräch.
Reichlich arrogant und mit nichts Anderem bewaffnet als dem Bewußtsein, daß irgend Einer am Hof das Rad und das Schießpulver erfunden hatte, konnte sie dann nur noch entgegnen, daß ich nicht in den Kreis der ergebenen Höflinge passen würde.

Diese Erkenntnis war mir schon früher gekommen und ich konnte nur aus vollem Herzen zustimmen.
Nun, so verließ ich dann den gräflichen Bezirk in Shanghai um in die Dienste eines anderen Königs zu treten.

Jetzt habe ich wieder einen Namen, bin nicht mehr Stallknecht sondern Graf, verdiene genug um meiner Familie öfter einmal etwas Gutes zukommen zu lassen und kann beruhigt dem Untergang des Königreiches zu Singapore zusehen.

 
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